Mein Leben

Ich bin Heinrich Otte, wohnhaft in Oldenburg. 63 Jahre alt und aufgrund eines am 2. September 2009 erlittenen Schlaganfalls gehbehindert. Bis auf diesen kleinen Makel inzwischen aber wieder topfit.
Ich erinnere mich an die Situation in der sich mein Leben komplett verändert hat noch sehr genau, als sei es gestern gewesen.

Es war ein sehr heisser Sommertag in Griechenland. Ich habe seinerzeit auf Chalkidiki Teekräuter angebaut und tagsüber nach meinen Feldern gesehen. Am nächsten Morgen stand mein Rückflug von Thessaloniki nach Düsseldorf an. Gegen Abend habe ich zusammen mit Dimitri, einem Freund von dem ich einen Acker gepachtet hatte und in dessen seinerzeit leerstehen alten Steinhaus im Dorf ich gewohnt habe, noch dessen Melonen an ein Hotel ausgeliefert. Nachdem wir abgeladen hatten, haben wir noch einen Spaziergang am Strand unternommen und wollten bevor wir uns auf die Rückfahrt begeben noch einen Spezi trinken.

Dimitri und ich standen uns gegenüber, die Gläser gehoben als ich “Giammas“ (Prost) sagen wollte, versagte es mir die Stimme. Im gleichen Moment sackte mein rechter Arm ab und das rechte Bein knickte auch weg.
Das im wahrsten Sinne des Wortes grausamste, war meine Aphasie (Sprachverlust) in dem Augenblick als es geschah.
Bei klaren Verstand zu sein und dem Handeln anderer ausgeliefert zu sein, ohne sich äußern zu können, ist wirklich grausam. Zumal ich absolut keine Ahnung hatte, was grade mit mir geschied. Dagegen habe ich meine halbseitige Lähmung selbst in dem Moment schon als weniger schlimm empfunden.
Im allerersten Moment meinte Dimitri ich mach` Scherze, aber dann wurde ihm sehr schnell der Ernst der Situation klar. Der Hotelinhaber der nicht weit enfernt stand hat die Situation gleich richtig erkannt und auf Egefaliko (Schlaganfall) getippt, weil dessen Schwester ein paar Jahre vorher auch einen hatte.
Dann ging alles sehr schnell. Die Ambulanz war 5 Minuten später schon vor Ort und haben meinen “Kadaver“ zuerst nach Poligiros ins Kreiskrankenhaus und von dort noch am Abend in die Papageorgiou Klinik in Thessaloniki gebracht.
Dimitri und seine Frau Cassiani haben sich um meine Papiere usw. gekümmert, wie sie auch hinterher während meines Aufenthalts im Papageorgiou für mich da waren. Den beiden habe so unendlich viel zu verdanken!
Mein erster klarer Gedanke den ich gefaßt habe, als ich am nächsten Morgen in der Klinik in Thessaloniki wieder zu mir kam, war: “DAS WAR`S NOCH LANGE NICHT!“.

Insgesamt habe ich 10 Wochen dort in der Klinik verbracht. Aus dem einfachen Grund, weil ich keine Rückreiseversicherung im Krankheitsfall hatte. Das war immer das erste was ich seinerzeit bei Buchung eines Fluges weggeklickt habe. Ich war lange alleine nicht flugfähig was mein Budget überstiegen hätte. Nach 10 Wochen war es dann soweit und ich konnte als “Tourist“ zurück fliegen.
In den ersten 3, 4 Wochen wusste auch keiner von meinen Freunden hier in Deutschland Bescheid wo ich abbleibe. Die haben sich zwar gewundert das ich immer noch nicht da bin, aber es war nicht das erste Mal, das ich länger fortgeblieben bin als eingeplant.
Wie gesagt, nach 3, 4 Wochen habe ich das erste Mal mit Lea, einer sehr lieben Freundin aus Bremen telefoniert. Oder besser gesagt, sie hat mich angerufen und geredet und ich hab kaum ein Wort rausgebracht, vielmehr geschluchst des emotionalen Augenblicks geschuldet.
Mitte November bin ich dann nach Düsseldorf zurück geflogen. Silke und Achim haben mich dort vom Flughafen abgeholt und mich gleich ins Evangelische Krankenhaus in Oldenburg gebracht.
Dort bin ich in den folgenden Tagen richtig von Kopf bis Fuß durchgecheckt worden, was die Ursache für das Mallör ist. Ich war immer sehr sportlich. Bin beispielsweise Mitte Mai in Hamburg noch meinen letzten Marathon in knapp unter 4 Stunden gelaufen.
Dann haben die Ärzte ein sog. Foramen Ovale (eine Öffnung, die die beiden Herzvorhöfe mit einander verbindet, über die das sauerstoffreiche Blut in der prenatalen Phase im Mutterleib zirkuliert und das sich nach wenigen Tagen, spätestens wenigen Wochen nach der Geburt schließt.) diaknostiziert, das zu einer sog. Paradoxen Embolie geführt hat.
Ursache gefunden, Ursache beseitigt. Will sagen, wenige Tage später ist es im Klinikum Oldenburg durch ein “Schirmchen“ verschlossen worden. War ein Routineeingriff von einer Viertelstunde. Durch die Leiste rein, hoch ins Herz, aufgespannt, fertig.

Meine Sprache kam am Morgen nach meinem Schlaganfall bruchstückhaft zurück. Da wußte ich, es geht tatsächlich wieder aufwärts. An eine Verbesserung meiner Lähmungen war noch sehr lange nicht zu denken. Erst nach ca. 9 Wochen in der Klinik in Thessaloniki konnte ich, wenn ich mich zu 100 % konzentriert habe, grade mal erkennen, das sich meine Fingerspitzen zu bewegen schienen. Das war ein weiterer Meilenstein!

Hier im Oldenburger Evangelischen Krankenhaus machte ich dann täglich erkennbare Fortschritte. Durch viel kognitives Training, Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie ist es mir gelungen, das ich am 14. Januar 2010 aus der Reha Klinik in Oldenburg nach Hause entlassen werden konnte.
Im ersten Jahr danach bin ich anfangs noch drei Mal die Woche mit dem Bus zur Reha Klinik nach Kreyenbrück, zur ambulanten Behandlung gefahren und zwei Mal wöchentlich zu Frau Aussum, meiner Logopädin.
Danach war Logopädie nicht mehr notwendig und die Physiotherapie und Ergotherapie lies sich auch auf ein Mal wöchentlich beschränken.
Nach weiteren anderthalb Jahren bin ich “austherapiert“. Sprich, es werden sich keine erkennbaren Verbesserungen mehr einstellen.

Ich habe recht schnell verstanden und akzeptiert, mit einer gewissen Einschränkung meiner rechten Extremitäten leben zu müssen und zu können. Als da allen voran die Fußhebeschwäche ist, die simples Laufen zu einem wohlüberlegten Akt macht. Ja, Menschen die nicht in einer solchen Situation wie ich sind können es schwer nachvollziehen, das jeder einzelne Schritt ganz bewust gesetzt werden muß. Zumindest was den rechten Fuß betrifft.

Ich bezeichne es so, wenn ich ihn nicht bewusst setze, wird er zurück bleiben. Das will ich dann aber doch nicht. Wäre einfach zu lästig immer wieder zurück zu gehen um ihn nach zu holen. Ein kleiner Scherz am Rande.

Ebenso meine rechte Hand hat auch erhebliche Defizite. Aber als von Haus aus positiv eingestellter Mensch hab ich mir auch gleich gesagt, es hätte schlimmer kommen können. Das der Status so ist, wie er ist, ist o.k..
Obwohl ich die ersten Jahre noch davon geträumt habe eines Tages wieder joggen zu können, hab`ich inzwischen begriffen, daß das aufgrund der Fußhebeschwäche nicht wieder gehen wird.

An dieser Stelle allen Gesundheitspflegern/innen, Therapeutinne/en und Ärztinnen/en, die mich von Anfang an betreut und behandelt haben, meinen ganz besonderen Dank und Efcharisto parapoli! Ohne Ihre tatkräftige Unterstützung und Anleitung wäre es nicht möglich gewesen, so fit wieder ins Leben zurück zu kehren!

Allen meinen Freunden: Cosima, Regina und Bernd, die mich sehr häufig im Evangelischen Krankenhaus besucht haben, mich aufgemuntert und zum Lachen gebracht haben, Achim, der meinen gesamten chaotischen Schriftverkehr und meine Wäsche für mich erledigt hat und anfänglich als ich wieder zuhause war, mit mir einkaufen gefahren ist und im besonderen Lea, die mich in unzähligen Telefonaten durch ihre fröhliche Art aufgebaut hat, nicht zu vergessen Dimitri und Cassiani die sich rührend um mich in Thessaloniki gekümmert haben, gilt mein ganz besonderer Dank / Efcharisto parapoly!

Soweit zu meinen wesentlichen “Erlebnissen“ der vergangenen gut 9 Jahre. Wie hatte ich doch direkt nach meinem Schlaganfall festgestellt: “Das war`s noch lange nicht!“, also füllen wir es mit Leben.

Fahrradfahren nimmt inzwischen einen sehr großen Platz in meinem Leben ein. Was früher das tägliche Jogging war, ist heutzutage das Radfahren.
Wenn ich so durch die Landschaft radele, fällt mir immer mehr auf, wie vermüllt die Umwelt teilweise ist.
Dabei sind vor ein paar Jahren erste Gedanken entstanden etwas dagegen zu unternehmen. Meine Behinderung lässt leider kein großartiges müllsammeln zu. Also hab ich überlegt wie ich mich sonst noch engagieren kann. Wie ich die Aufmerksamkeit auf das Thema legen kann.

Da es ein weltweites Problem ist, will ich ihm auch diesen traurigen Platz einräumen, der ihm gebührt. Ich möchte von nun an verschiedene Länder bereisen und euch / Sie auf meine Reisen mitnehmen und Eindrücke sammeln, wie die verschiedenen Kulturen mit Müll und hier in erster Linie mit Plastikmüll verfahren.

Ich plane im Frühsommer, Anfang bis Mitte Mai 2019 zu einer Tour mit dem Liegerad von Oldenburg bis ans Nordkap und zurück, aufzubrechen. Dazu brauche ich eure / Ihre Unterstützung und Hilfe.

Ich nenne sie: “Heinrich auf Tour, für saubere Meere!“

Warum ich mich für unsere Erde einsetze!

Krisen schaffen den Raum für Veränderungen…

“Das war`s noch lange nicht!“